Der Candide Preis Minden
und was Voltaires Candide mit der Stadt zu tun hat

Nach dem Helden von Voltaires berühmtestem Roman heißt der neue Literaturpreis Candide Preis Minden. Er ist gegenwärtig mit 7500 Euro dotiert.

Hier ein paar Zusammenhänge zwischen Minden, Voltaire und seinem Roman Candide: Das Buch erschien Mitte Januar 1759 anonym gleichzeitig in Genf, Amsterdam und Paris. Er war ein großer Erfolg. Die erste Auflage war nach wenigen Monaten verkauft. Am 1. August 1779 verlor das französische Heer im Siebenjährigen Krieg unter dem Marschall Contades die wichtige Schlacht bei Minden gegen die verbündeten Briten und Hannoveraner unter dem Herzog Ferdinand von Braunschweig. Der zweiten, 1960 erschienenen Auflage setzte Voltaire einen fiktiven Verfasser voran, einen geheimnisvollen Toten. Voltaire schreibt:

„Aus dem Deutschen des Herrn Doktor Ralph übersetzt samt den Zusätzen, die man in der Tasche des Doktors gefunden hat, als er im Jahre des Heils 1759 in Minden starb.“

Die Niederlage in der Schlacht bei Minden war eines der unverkennbaren Symptome des Niedergangs des Ancien Régime in Frankreich, die drei Jahrzehnte später in dessen Sturz durch die Französische Revolution mündete. In den Jahren 1758 und 1759 hatten die Franzosen durch englische Angriffe auf die französischen Kriegshäfen ihre Flotte eingebüßt. Gleichzeitig hatten englische Auslandsgeschwader die französischen Stellungen im Senegal und in Gambia eingenommen. In Indien verloren die Franzosen Chandernagor. Die Engländer eroberten Quebec. Und dann die Niederlage in der Schlacht bei Minden: Hunderttausend Soldaten kämpften in dieser blutigen Schlacht. Schmählich war die Niederlage, weil die Franzosen sich das bereits besetzte Minden hatten abnehmen lassen. Am 1. August verlor der französische Oberbefehlshaber Maréchal de Contades mit überlegenen Kräften aus überlegenen Stellungen die Schlacht gegen den recht zusammengewürfelten Haufen unter dem Herzog von Braunschweig, der in englischem Auftrag den Oberbefehl innehatte.

Dies geschah im Jahre des Heils 1759 („l'an de grâce“) Frankreichs, in dem der fiktive Doktor Ralph in Minden starb.

Die Zueignung des Romans an einen Doktor Ralph ist Voltaires Kommentar zum Niedergang Frankreichs, das den Welthandel bestimmt hatte wie die europäische Kultur. In dem Buch stellt Voltaires Held fest, wie erschüttert der Zustand dieser Welt ist.

Minden, der Ort der historischen Niederlage, ist die einzige westfälische Stadt, auf den der Roman Bezug nimmt. Voltaire kannte die Stadt, weil er ihre schlammigen Landstraßen auf seinen Reisen von Paris nach Potsdam passieren musste. Minden steht somit für Westfalen, das seinerzeit nicht eben den besten Ruf genoss und von Voltaire entsprechend dargestellt wurde. Nur aus einem von der französischen Hochkultur unbeleckten Landstrich konnte der positive Held stammen. Es ist nicht allzu kühn zu unterstellen, dass der edle, sanfte, gutgläubige, aber durchaus durchsetzungsfähige junge Held des Romans nicht nur Westfale, sondern Mindener ist.

Der kleine Roman, wie ihn Voltaire bezeichnete, ist ein Abenteuerroman voller Witz vor dem Hintergrund einer Welt voller Ungerechtigkeit und Schrecken und gleichzeitig eine philosophische Auseinandersetzung. Er wurde am 24. Mai 1762 auf den Index gesetzt, Gilles Deleuze hat in diesem Werk die Ablösung des theologischen durch das humane Weltverständnis gesehen. Gustave Flaubert schrieb, der Schluss des Candide, „cultivons notre jardin“, wir müssen unseren Garten bestellen, sei die größte moralische Lektion, die es gibt.

Für den Literarischen Verein Minden waren diese Zusammenhänge Grund genug, nicht ohne Selbstironie Voltaires weltberühmten Roman zum Namenspatron des Literaturpreises zu machen.